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Published : 3 months, 1 week ago (Thu, 03 Dec 2009 09:59:40 PST) Searched: alle-drogen-und-bill-kaulitz-treibt-es-tatsächlich http://amygrisailler.livejournal.com/79158.html 0 links Related posts
Ich finde, allein für Überschrift und Foto hab ich nen Tritt in den Arsch verdient. Habt ihr gestern alle brav die Metaldoku auf Kabel 1 gesehen? Nein? Ich auch nicht, oder zumindest nur halb. Heisst: Ich bekam nur das minderinformative Ende mit, in dem der Typ in Norwegen rumstand und dieser andere Typ interviewt wurde, der für eine Antwort [1 Wort] fast 10 Minuten brauchte [ich bin mir sicher, der Typ hat einen unglaublich beängstigenden Namen und gehört zu einer noch schlimmeren Band]. Dieses Antworthinauszögern wirkt übrigens wirklich, bis zu einem bestimmten Grad, kunstvoll und mystisch. Gestern wiederrum war es eher so ein "Hau ihm doch auf den Hinterkopf, damit endlich irgendwas aus seinem Mund fällt". "Was ist Metal für dich?" -10 Minuten Pause, Nägel pfeilen, Schmorrbraten zubereiten - "Satan." Wirklich gut. Aber darum gehts nicht.
Wir befinden uns auf einem Terrain, auf dem mein Wissen in den normalen bis erweiterten Grenzen bestickt ist. Soll heißen: Dieses Genre der Musik ist kleiner Bestandteil meines Lebens, aber das sind Ohrenstäbchen auch. Nichts destotrotz bildet man sich natürlich zu allem eine Meinung. Macht der Mensch so, gibt's nichts von Ratiopharm gegen. Vorweg: Ich bin vielleicht einfach abgehärtet durch jahrelangen Splatterfilmkonsum. Oder weil ich einen an der Klatsche habe.
Generell muss ich diesem Filmchen in vielen Dingen recht geben. Metal, egal in welcher Sparte, ist Sprachrohr einer ganzen Menschenmasse, die ansonsten vielleicht nirgens Halt finden würde. Wenn es nicht die Texte sind, dann ist es das Feeling, welches diese projeziert [wer jemals zu Death Metal joggen gegangen ist oder mitten in einem Moshpit stand wird wissen wovon ich rede] und vorallem ist es ein spezielles Gefühl des "Verstanden werdens". Es ist gut, dass es solche Musik gibt, und wie in allen anderen Musiksparten gibt es eben die positiven und negativen Aspekte am Ganzen.
Ich höre sie aufschreien "Metal wird uns alle umbringen! Metal macht unsere Kinder krank! Wer Metal hört schneidet Katzen den Schwanz ab!" - das sind dann diese, die auch denken, dass es im gesamten Hip Hop Bereich nur ums Mutterficken geht, Rockmusiker nehmen alle Drogen und Bill Kaulitz treibt es tatsächlich nie mit Groupies. Nachdenken, Baby! Ich möchte eigentlich gar nicht mit diesen ständigen Parallelen zwischen Metal [und Killerspielen. Und Horrofilmen. Und Toastbrot.] und durchdrehenden Menschen anfangen, aber es ist nunmal so, dass wir uns, wann immer etwas schief geht, innerhalb von Sekunden etwas suchen, dem wir die Schuld daran geben können. Dass dahinter ein komplexes Gebilde steht ignorieren wir, würde mehr als 5 Minuten unserer Zeit in Anspruch nehmen, Metal ist Schuld.
Auf wen man sich natürlich stürzte war die Band Cannibal Corpse. Jetzt mal ehrlich. Jeder, der mit Metal keinerlei Berürhungspunkte hat und schon nach Luft schnappt um mit Hasstiraden loszulegen: Was erwartet man von einer Band, die sich Kannibalenkadaver nennt? Die Alben wie "die erbärmliche Ausgeburt" ihr Eigen nennt? Kamillenblüten und Songs über die erste Liebe? Also bitte! Dafür stehen solche Bands nicht, es geht darum, sowohl abzuschrecken als auch zufaszinieren und nochmals: Es ist gut, dass es auch sowas gibt. Es ist gut, dass es Bands gibt, die Tod, Mord, Ausweidung und Teufel in ihren Texten behandeln, denn ich hab lieber 20 langhaarige Kerle, die sich dazu kaputtmoshen, als einer, der diese Art des Auslebens nicht hat und sich deshalb vielleicht andere Wege sucht. Es wird keinem weh getan, und es sei an die Elternpflicht appelliert, dass man auch dahingehend aufklärt. Verbietet euren Kindern auch diese Form der Realität nicht [es sei denn sie sind noch fünf] - aber ballert sie damit auch nicht unbegrenzt zu. Es ist wichtig zu verstehen. Über oben genanntes Albumcover gab es übrigens auch so seine Diskussionen. Da ist der Splatterfan in mir ganz entzückt, auch wenn das natürlich nicht dem konventionellem Empfinden der Kunst entspricht. Es ist sehr gut gezeichnet. Und wenn man sich über blutige Brocken, die aus Menschenkörpern rausfallen aufregen möchte, dann sollte man doch bitte bei diesen Geburtsshows, die uns in das Innenleben einer Vagina entführen, anfangen.
Viel gesagt dafür, dass ich mir aufgrund mangelndem Wissens keine bahnbrechende Meinung bilden wollte. Was gibt es noch?
Die brennenden Kirchen in Norwegen und das Gezetter darum, das Christentum auszurotten. Öhöm. Find ich scheiße, und lässt mich später zu dem kommen, was mich generell an vielen in der Szene stört. Jetzt mal ernsthaft, so symbolisch eine brennende Kirche sein mag, das ist Humbug und geht zu weit. Solche Aktionen schüren die äußere Meinung das Metal etwas böses ist nur noch mehr und liefern Feinden nur noch mehr Boden um Argumente dagegen zu sähen. Vielleicht sollte man sich über ein bisschen "Leben und leben lassen" Gedanken machen, wenn man das doch auch von den Menschen außerhalb der Szene erwartet, sonst landen wir ganz schnell in Zeiten, die wir schonmal hatten und die so einfach nicht funktionieren. Ich zünd ja auch nicht Slipknot oder Slayer an. Oder die Cannibal Corpse [um bei meinem Lieblingsbeispiel zu bleiben]. Aber - wie auch der Filmtyp sagte - von solchen Fällen distanzieren sich die meisten Teile der Szene.
Alice Cooper war ebenfalls einer der Kommentatordudes des Films. Ich find Alice Cooper super, wunderbares, altes Eisen mit sehr guten Meinungen was das ganze Spektakel angeht. Er sagte etwas sehr bedeutendes, nämlich das all diese Bands ständig versuchen noch extremer als alle anderen zu sein. Dass jeder versucht noch krasser zu sein als seine Kollegen [und -entschuldigung- dadurch wirkt leider vieles lächerlich] und im Endeffekt sind sie doch nur verschüchterte kleine Jungs [zumindest wenn sie ihm gegenüber stehen.] Und so ists. Im alltägliche Leben sind es langhaarige Kerle, die Hundebaby streicheln und Muffins essen. Ich kenne, ehrlich gesagt, keinen aggressiven Anhänger der Metalszene, und ich kenne und kannte eine ganze Menge Leute grade daraus. Eher im Gegenteil. Ich traf auf hochgescheite Leute, mit wirklich guten Ansichten und Meinungen. Keiner von denen hat Blut getrunken oder kleinen Enten den Arsch aufgeblasen. Einer hat sich gern anpinkeln lassen, aber das hatte einen anderen Hintergrund.
Metal ist nicht böse, Metal greift nur durch die Gesellschaft "verteufelte" Themen auf und hat sich dadurch eine ganz eigene Sparte geschaffen. Eine, in der du entweder dabei bist oder sie nicht verstehst. Und wie man sagte, es ist egal ob du dabei bist oder nicht, die Szene kommt auch sehr gut allein klar. Natürlich können wir uns alle darüber aufregen weil es uns fremd vorkommt, weil wir damit nichts anfangen können und weil uns Dinge, die wir nicht verstehen, seit immer Angst machen, aber wir sollten aufhören es alles direkt an den Pranger zu stellen.
Wenn es darum geht, explizite Dinge zu verbieten und schlecht zu machen, was ist dann mit den Tierarztdokus, die uns jede noch so kleine Wunde in tausenfacher Vergößerung zeigen? Was ist mit dem mittaglichen Fernsehen wo es nur um Pimmel, Arsch und Fotze geht? Casper hat einen Song über Ritzerei und Kindesmissbrauch gemacht, Prinz Pi erzählt von Verschwörungstheorien, die christliche [!!] Popgrupper Superchick hat einen Song über Magersucht gemacht, den weltweit unzählige kranke Seelen als Soundtrack ihrer Magersucht nutzen und "Everytime I try to fly, I fall without my wings - I feel so small" [Britney Spears] macht sich bestimmt super auf dem Abschiedsbrief von jemandem, der sich irgendwo runtergestürzt hat. Klassische Literatur ist voller Blut, Mord, Sex und Inzucht. Wenn es darum geht Dinge zu eliminieren, die totgeschwiegene Themen aufnehmen und verarbeiten, dann können wir sogleich unsere gesamte Medienwelt und uns selbst verbieten. Erst dann wäre die Welt wieder an ihrem reinen Ursprungspunkt. Die Welt hat weitaus größere Probleme als ein Musikgenre.
Danke.
xxx, Sam |